Tim Habicht: Was muss strukturell passieren damit das Thema ELTIF mehr Aufmerksamkeit bekommt und nachhaltig wachsen kann?
Tristan Schirra: Es braucht noch etwas Zeit, so wie es in Deutschland häufig ist, um sich zu etablieren und positiv entwickeln zu können. Wichtig ist, dass nicht nur der Bekanntheitsgrad steigt und weiter geschult wird, sondern auch die Verfügbarkeit der Produkte sichergestellt wird. Wir haben immer noch Nachholbedarf bei den IT-Landschaften und in Online-Depots kann kein ELTIF gekauft werden. Da muss sich etwas tun. Ich bin aber recht entspannt, denn gute Dinge brauchen einfach Zeit. Ich denke in zwei bis drei Jahren stehen wir an einem anderen Punkt. Es handelt sich schließlich um einen European Long-Term Investment Fonds und keinen Short-Term-Fonds.
Ludger Wibbeke: Ich kann nur ergänzen, nicht widersprechen, dass das Thema Standardisierung in der Abwicklung erzielt werden muss. Es arbeiten momentan so viele Parteien daran, dass ich optimistisch bin, dass wir in 2026 ein tolles abwicklungsoptimiertes Produkt haben werden, bei dem man nach dem jeweiligen Manager, der Assetklasse und der Liquiditätsverfügbarkeit differenzieren kann. Der ELTIF wird als Produkt noch weiter professionalisiert werden. Letztlich erwarten wir, dass sich der ELTIF wie die standardisierten liquiden OGAW/UCITS-Fonds sehr erfolgreich entwickeln werden.
Nico Auel: Es wurden bereits viele Schritte gegangen, damit der ELTIF zum Erfolg wird. So hat zum Beispiel der Einstieg zahlreicher großer Investmenthäuser für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Gleichzeitig braucht der Vertrieb einen breiten Mix an Produkten, um das Thema Private Markets für Privatanleger erfolgreich vermarkten zu können – auch da sind wir auf einem guten Weg. Am Ende gilt es, die PS auf die Straße zu bringen, und zwar durch die gemeinsame edukative Arbeit von Produktanbietern und Vertrieblern. Ich bin optimistisch, dass es gelingen wird, Anfängerfehler zu vermeiden.
Michael Jäger: Ich glaube der ELTIF 2.0 als Vehikel bringt die Flexibilität mit, die wir brauchen, beispielsweise eine Evergreen- oder Dachfondstruktur, die vorher nicht möglich waren. Man kann dem Privatkunden Private Markets so besser zugänglich machen, das ist das richtige Set-Up. Wichtig ist aber auch, dass Privatkunden Private Markets nicht nur mit höherer Rendite gleichsetzen, sondern man auch über die weiteren Vorteile der Anlageklasse, nämlich Diversifikation, geringere Volatilität und Inflationsschutz, aufklärt.
Sasa Perovic: Ich glaube, ELTIFs sind gekommen, um zu bleiben. Ob das Thema exponentiell oder stetig wachsen wird, werden wir sehen. Wir wünschen uns von den Emittenten Transparenz, dass alles sauber abläuft und eine hohe Qualität der Produkte, keine Frage. Viel wichtiger ist aber, dass wir diese Aufgabe gemeinsam bewältigen müssen. Einerseits müssen wir gute Produkte von den Fondsgesellschaften bekommen und den Nutzen der ELTIFs transportieren. Andererseits gehört es in meinem Job dazu, rechtzeitig auf Risiken hinzuweisen und schwarze Schafe frühzeitig zu erkennen. Unterm Strich bin ich positiver Dinge.
Habicht: Der ELTIF 2.0 ist inzwischen bereits einige Monate am Markt, viele Strategien haben aber noch nicht wirklich viele Assets eingesammelt. Ist das aktuelle Umfeld das Problem, wenn man Anleger für einen ELTIF begeistern möchte? Schließlich haben Aktien in den vergangenen Jahren jährlich eine außerordentlich starke Rendite generiert und viele ELTIFs wollen konservativ eher „nur“ vier bis sechs Prozent an Performance liefern. Dazu kommt noch die fehlende Liquidität…
Schirra: Ja, durchaus. Ich habe schon mehrmals die Frage von Investoren gestellt bekommen, was man mit einem ELTIF, der „nur“ maximal sieben Prozent Rendite liefert in seinem Portfolio soll, wenn man in den vergangenen Jahren mit Aktien teilweise über 20 Prozent pro Jahr generieren konnte. Dabei geht es hier nicht nur um die Rendite, sondern um die Diversifikation eben genau zu diesen traditionellen Anlageklassen wie Aktien.
Perovic: Da kommt der Finanzberater ins Spiel, der Leuten erklären kann und muss, woher diese 20 Prozent Rendite kommen, dass dies eher die Ausnahme und nicht die Regel war und warum auch Produkte mit vermeintlich weniger Rendite einen Mehrwert im Portfoliokontext liefern können.
Jäger: Dasselbe hat man auf der institutionellen Seite gesehen. Die Pensionskassen und Versicherer haben aufgrund des Niedrigzinsumfelds der vergangenen Jahre verstärkt in Private Marktes investiert; da war einfach der Rendite-Druck groß, weil die Rendite auf der Anleihe-Seite fehlte. Wenn die Aktienseite sehr gut läuft, ist die Bereitschaft vieler Privatanleger, sich mit etwas neuem zu beschäftigen, nur in geringerem Maße vorhanden.
Schirra: Liquidität ist ein gutes Stichwort. Der Punkt ist, dass nicht nur der Privatmarkt, sondern auch institutionelle Kunden unserer Erfahrung nach immer mehr Liquidität fokussieren. Sie sind bereit, einen höheren Preis und Renditeverlust in Kauf zu nehmen, weil sie Flexibilität haben möchten. Auch in einer Pensionskasse muss mittlerweile mehr Liquidität gehalten werden. Und allen voran für Privatanleger ist es umso wichtiger zu wissen, dass sie die Flexibilität haben, auch aus einer Anlage wieder aussteigen zu können – ob das dann sinnvoll ist oder nicht sei dahingestellt. Das ist ein essenzieller Bestandteil der ELTIF-Regulatorik, die das Produkt attraktiv und erfolgreich macht, weil eine gewisse Liquidität bereitgestellt wird.
Habicht: Man hört oft, dass man in einem ELTIF die Private Markets der zweiten Klasse bekommen würde und dort alles vereint ist, was institutionelle Investoren nicht haben wollen. Wie gehen Sie damit bei der Portfoliokonstruktion um? Es gibt schließlich nur begrenzt gute Assets.
Auel: Unser ELTIF investiert wie auch unsere Publikums-AIFs in die gleichen Zielfonds, in die auch institutionelle Investoren investieren. Die Qualität der Assets ist identisch. Unterschiede bestehen lediglich in den Gebührenmodellen und Vertriebskanälen.
Schirra: Schwarze Schafe gibt es immer. Grundsätzlich sind wir alle regulierte Asset Manager. Es gibt gewisse Regeln hinsichtlich einer Allokationspolitik, das ist bei uns auch so. Unser ELTIF investiert mit und neben unseren großen und geschlossenen AIFs. Wenn ein Deal gemacht wird, entscheide ich, ob der ELTIF Appetit auf diese Transaktion hat oder nicht. Dazu kommt, dass unsere großen Fonds 100 bis 600 Million Euro große Tickets machen und unser ELTIF Tickets zwischen zehn und 30 Millionen Euro macht; da kann man schlecht Schrott parken. Zudem würde man sich, ganz simpel geasgt, als Asset Manager damit selbst betrügen; und seine Kunden vor den Kopf stoßen und letzten Endes als Investoren verlieren.
Wibbeke: Ich sehe die Demokratisierung der Anlageklasse eher als Chance für Privatanleger so zu investieren, wie es institutionelle machen, denn als Risiko.
Habicht: Werden die institutionellen Investoren dann aber nicht sauer und sagen, jetzt kriegt der „Pöbel“ auch meine Investments?
Wibbeke: Das habe ich noch nie gehört und bisher auch noch nie solches Feedback von institutionellen Investoren erhalten.
Schirra: Ganz im Gegenteil: Durch mehr Investoren gibt es mehr Kapital und mehr Kapital bedeutet größere und bessere Deals.
Wibbeke: … und zwar für alle.
Jäger: In unserer Strategie investieren wir in die Zielfonds, die klassischerweise von institutionellen Anlegern gezeichnet werden. Zusätzlich investieren wir aber auch in externe Manager und nicht nur intern bei Natixis. Wir suchen gezielt nach guten GPs, wenn wir in den jeweiligen Bereichen intern kein gutes Angebot haben. Die Managerselektion ist entscheidend, weshalb wir eine offene Architektur haben wollen.
Habicht: Ich habe kürzlich mit einem Headhunter gesprochen, der mir erzählt hat, dass er im Vertrieb nur Private-Markets-Anfragen sieht. Jeder sucht händeringend nach geschulten Mitarbeitern im Vertrieb, es gibt aber nicht unendlich viele davon. Jemanden von liquiden Produkten auf die privaten Märkte umzuschulen ist schwierig. Könnte es ein Problem sein, dass man zu wenig fähiges Personal hat, um die Beratung und Education zu fördern?
Schirra: Jemand der wenig Expertise in dem Bereich hat, sollte sich natürlich als Asset Manager überlegen, ob er einen ELTIF auflegt. Es war schon immer so, dass man sich Expertise einkaufen muss, wenn man einen Bereich aufbauen will; und zwar nicht nur beim Thema ELTIF. Man kann aber als Unternehmen auch nicht alles alleine machen und sich im Zweifelsfall die Expertise einkaufen oder entsprechende Partnerschaften eingehen. Ich sehe aber keinen grundsätzlichen Fachkräftemangel.
Wibbeke: Ich denke, Fachkräfte werden bereits oder mittelfristig durch Künstliche Intelligenz ersetzt und, dass KI im Asset Management um sich greifen und ein Lückenfüller für das Thema Fachkräftemangel sein wird. Für uns als Administrator ist das ein ganz wichtiges Thema.
Perovic: Den Vertrieb werden Sie nicht durch KI ersetzen können…
Wibbeke: Nein, an der Stelle geht das eingeschränkter.
Schirra: Ich sehe meinen Arbeitsplatz auch nicht durch die KI gefährdet. Klar hilft KI im administrativen Bereich, aber im ELTIF-Bereich sind wir noch nicht so weit, dass KI mehr als nur eine kleine Hilfe sein könnte. Ich glaube auch nicht, dass sich das in den nächsten drei bis fünf Jahren ändern wird.
Auel: Wenn ich einen Mitarbeiter für den Vertrieb suche, kann ich nicht erwarten, dass diese Person bereits Erfahrungen im Bereich Private Markets mitbringt. Dann erhalte ich null Bewerbungen. Bei großen Häusern mag das anders sein, da diese eine andere Zugkraft auf dem Bewerbermarkt haben. Aber wir sind eine mittelständische Firma, die keine große Werbung macht. Daher setzen wir bewusst auf interne Ausbildung und haben damit auch sehr gute Erfahrungen gemacht. Gleichzeitig beobachten wir, dass unser Vertriebsansatz besondere Anforderungen stellt – nicht jeder fühlt sich in diesem komplexen Umfeld sofort zuhause. Das liegt weniger an den Fähigkeiten der Einzelnen, sondern vielmehr an der inhaltlichen Tiefe unserer Themen: Wer Private Equity erfolgreich vermitteln möchte, braucht ein fundiertes Verständnis für die Anlageklasse und die Fähigkeit, sie auf verschiedenen Ebenen zu erklären – gegenüber erfahrenen Finanzberaterinnen ebenso wie gegenüber Privatkunden ohne Vorkenntnisse. Das ist anspruchsvoll – aber auch genau das, was viele an unserer Arbeit besonders schätzen.
Habicht: Was muss ein idealer Sparringspartner für Sie mitbringen?
Perovic: Es geht ja nicht darum, jemandem einen Gebrauchtwagen zu verkaufen, der nichts taugt. Für meine Berater und mich ist wichtig, dass ein Vertrauensverhältnis besteht und, dass die Qualitäten und Risiken des Produktes ordentlich kommuniziert werden. Wenn ich keine Expertise in dem Bereich habe, sollte ich mir überlegen, ob ich diesen aufbaue. Deswegen schauen wir, ob ein Unternehmen, das einen Fonds oder ELTIF vorstellt, die nötige Expertise hat. Sie muss nicht zwingend aus dem Haus kommen, sondern kann auch eingekauft sein. Ein Vertriebler, der mir nur Gutes erzählt, kann auf Dauer kontraproduktiv sein. Es kommt deutlich besser an, wenn ehrlich auf Risiken verwiesen wird; und jedes Produkt hat Risiken.