Tim Habicht: Aktuell sind aktive ETFs ein echter Hype. Sehen Sie aktive ETFs aber auch als ein langfristig relevantes Thema für die Asset-Management-Branche?
Sasa Perovic: Wir müssen uns schon allein deswegen damit beschäftigen, weil wir diesbezüglich Anfragen seitens unserer Berater bekommen haben. Insgesamt sehen wir eine verstärkte Nachfrage nach kostengünstigeren Strategien und ETFs werden insofern immer wichtiger. Das Thema der aktiven ETFs wurde in den vergangenen Monaten immer stärker an mich herangetragen. Ich bin offen, aber zurückhaltend, denn ich möchte bei einem Fonds ein Alpha-Potenzial erkennen können. Bei einem aktiven ETF wird aktives Risiko eingegangen. Im Moment kann ich nicht abschätzen, ob das erfolgreich sein wird. Es könnte sich dort allerdings tatsächlich eine Chance ergeben und das Investment-Universum sinnvoll erweitern.
Stephan Kemper: Wir sind noch etwas unschlüssig, wo wir einen aktiven ETF einordnen. Grundsätzlich ist ein ETF für uns erstmal ein Allokationsinstrument. Wenn jemand erstmal das Beta haben möchte und bereit ist, sich später um das Alpha zu kümmern, ist ein ETF bei uns häufig die erste Wahl. Wir werden bei aktiven ETFs genauso eine Streuung sehen wie bei aktiven Fonds und es wird einige wenige geben, die es schaffen, konstant Alpha zu generieren. Wenn sich das durchsetzt, wird es spannend und vor allem gefährlich für aktive Fonds. Als aktiver Fondsmanager und auch Fonds-Selektor muss man aktive ETFs als Alternative zu aktiven Fonds behandeln und wie ein weiteres aktives Produkt sehen, analysieren welche Auswirkungen es in welcher Marktphase hat und dann die Allokationsentscheidung treffen. Erst wenn ich genau weiß, was ich will, würde ich in einen aktiven ETF gehen.
Julien Jensen: Im Endeffekt ist ein aktiver ETF lediglich ein Wrapper und macht die Strategie weder gut noch schlecht. ETFs stehen derzeit aber generell in einem positiven Licht, weil sie kosteneffizient und niedrigschwellig investierbar sind. Die Nachfrage des breiten Markts ist definitiv vorhanden. Man muss sich nur die Frage stellen für welches Zielkundensegment sich die jeweilige Strategie im ETF-Mantel eignet.
Perovic: In den sozialen Medien wird das Thema ETFs sehr gehyped und diese einseitige Betrachtung finde ich gefährlich. Es kommt auf die Allokation des Portfolios an, wo sich ein aktiver ETF ansetzen lässt und wie man das Ganze zusammenbauen kann, so dass es ein optimiertes Portfolio ergibt. Da geht es nicht um entweder oder, sondern darum, wie man kombiniert. Ich glaube aktive ETFs können eine Chance sein bei jüngeren Anlegern ein Bewusstsein zu wecken, dass es auch attraktive, aktive Komponenten und Investments gibt.
Habicht: Würden Sie sagen, dass eine neue Generation an Anlegern kommt und es der Lauf der Dinge ist, dass sich der Trend für kostengünstige, passive Strategien fortsetzen wird?
Heiko Böhmer: Das sehe ich auf jeden Fall so und ich glaube, dass sich auch die Marktbewegungen und das Anleger-Verhalten dahingehend verändern werden.
Habicht: Ihr seid vor allem bekannt für euren aktiven Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen. Wieso habt ihr euch entschieden, auch einen aktiven ETF aufzulegen?
Böhmer: Ich verfolge das Thema ETF bei uns im Haus auch schon länger. Wir haben in der Historie unseres Hauses viel im B2B-Bereich gemacht und sind dort über die Jahre stark positioniert. Mit unserem neuen aktiven ETF wollen wir aber auch stärker in die B2C-Richtung expandieren und unsere Produktpalette insofern auf eine breitere Basis stellen. Klar ist nämlich, dass die Nachfrage am Markt vorhanden ist. Die Zuflüsse sind in den USA in diesem Jahr bei ETFs höher als bei aktiven Fonds. Deswegen haben wir bereits im Jahr 2021 das ETF-Thema auf die Agenda genommen.
Ingo Ulmer: Ich habe eine vielleicht etwas ketzerische Frage an die Produktanbieter. Die Überschneidung bei Anbietern, die aktive ETFs und aktive Fonds haben, ist häufig groß – nur bei den Kosten besteht ein großer Unterschied. Was hindert einen Anbieter daran, die Kosten des aktiven Produkts zu senken?
Böhmer: Wir haben tatsächlich zwei unterschiedliche Produkte mit einer sehr geringen Überschneidung. Unser Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen hat einen vermögensverwaltenden Ansatz und die Quoten werden aktiv gesteuert. Beim passiven Produkt sind wir immer zu 100 Prozent investiert. Natürlich überschneiden sich teilweise auch die Titel, weil das Research dasselbe ist. Aber wir haben auch nochmal andere Titel im aktiven Produkt. Klar ist, der aktive ETF ist nicht der Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen im ETF-Mantel.
Habicht: Wie gestalten Sie die Selektion bei passiven Produkten und aktiven ETFs?
Kemper: In der täglichen Arbeit ist der Unterschied gar nicht mehr so groß. Ein aktives Produkt strebt per Definition einen Tracking-Error zur Benchmark an. Wenn ich dieses Produkt selektieren möchte, muss ich verstehen, woraus dieser Tracking-Error besteht und wie das Investment-Ziel erreicht werden soll. Bei einem aktiven ETF ist es von der Prüfung her etwas einfacher, weil ich mich dabei nicht noch über eine Marktmeinung des Anbieters oder Fondsmanagers unterhalten muss. Wenn wir mit aktiven Managern sprechen, fragen wir nach ihrer Marktmeinung und wie sie zu gewissen Sektoren stehen, um das in Einklang mit unseren Werten zu bringen. Das fällt bei einem ETF natürlich weg.
Habicht: Ist es vielleicht auch einfacher, weil man bei aktiven Fondsmanagern mit gewissen Persönlichkeiten zu tun hat, im positiven wie im negativen Sinn? Ist es leichter, wenn diese Komponente wegfällt?
Kemper: Ich glaube es ist fast ein bisschen einfacher. Bei einem aktiven Fonds selektiert man auch immer den Manager und das Team, was ein Risiko birgt. Je nach Ausgestaltung des aktiven Teils eines ETFs, insbesondere wenn er quantitativ gesteuert wird, fällt dieses Risiko weg.
Ulmer: Ich würde da eine Unterscheidung zwischen Research-getriebenen Häusern machen und jenen, bei denen es einen Personen-Entscheider gibt, der den Takt vorgibt. Wenn dort ein großer Entscheider sitzt, gibt es kaum einen Unterschied zwischen einem aktiven Fonds oder einem aktiven ETF. Aber wenn es um eine Enhanced-Index-Strategie geht und ich kenne bereits das Research des Unternehmens und beurteile es generell als gut, dann macht mir das natürlich weniger Arbeit. Denn hier geht es um die Konstanz und Stimmigkeit, die gute Voraussetzungen für eine gewisse Outperformance liefern. Dann muss ich als Selektor nur entscheiden, ob ich den High-Conviction-UCITS-Fonds haben möchte mit einem hohen Tracking-Error oder vom selben Haus die Enhanced-Index Strategie im aktiven ETF mit geringerem Tracking-Error.
Habicht: Wie fällt das bisherige Feedback von Investoren aus und lohnt sich der mit der Auflage eines aktiven ETFs verbundene Aufwand?
Jensen: Unser aktiver ETF ist jetzt seit vier Monaten live und hat rund 45 Millionen Euro Assets under Management. Dabei freut uns insbesondere, dass wir in sämtlichen Kundensegmenten von Retail über semi-institutionell bis hin zu großen institutionellen Anlegern Zuflüsse verzeichnen. Das Verständis der Kunden bezüglich der Funktionsweise und Sinnhaftigkeit der Risikokontrolle von Enhanced-Index Strategien ist da. Ein Großteil unserer Investoren nutzt unsere Strategie als intelligente Alternative zu einem klassischen passiven ETF.
Ulmer: Ab wann macht denn so ein aktiver ETF für einen Anbieter Spaß?
Jensen: Als Anbieter kostet mich der aktive ETF in der Auflage deutlich mehr als ein klassischer Publikumsfonds Insofern ist es ein strategisches Investment was sich insbesondere für hochskalierbare Strategien lohnt.
Ulmer: Ich habe in der Selektion den Vorteil, dass ich auch kleinere Fonds beziehungsweise Strategien auswählen kann; wenn ich von der Strategie überzeugt bin und einen dreijährigen Track Record sehe, gern auch von einem anderen Vehikel, dass nach denselben Vorgaben gemanagt wird der der zu betrachtende Fonds. Manchmal ist es tatsächlich gut, wenn man von Anfang an bei einer Strategie dabei ist, insbesondere wenn die Selektion im Vordergrund steht. Denn gerade die kleinen Häuser sind extrem spannend und häufig auch sehr erfolgreich. Und seien wir ehrlich: Gerade diese Investment-Perlen ausfindig zu machen – sei es als aktiver Fonds oder aktiver ETF – machen unseren Beruf als Selektor doch so spannend!